• Ida Katnic

Impfstoffe in Kapstadt: Virologe Prof. Wolfgang Preiser über die Wirksamkeit

Aktualisiert: März 15

Wir haben mit dem Experten über die Wirksamkeit der verschiedenen Impfstoffe und den weiteren Verlauf der Pandemie gesprochen.


Die mutierte SARS-CoV-2-Variante scheint sich gegenüber der ursprünglichen durchzusetzen, denn inzwischen wird bei 90 bis 95% der Neuinfektionen in Südafrika die neue Form nachgewiesen. Der Wirkstoff des Herstellers „Astra-Zeneca“ scheint bei der Variante nur zu 21,9% wirksam zu sein. Die Regierung überlegt daher, den Impfstoff, der erst Anfang Februar geliefert wurde und eine kurze Haltbarkeit hat, wieder zurückzuschicken. Sie setzt stattdessen auf den Impfstoff des US-Herstellers „Johnson & Johnson“, der allerdings noch nicht zugelassen ist. In einer Anwendungsstudie soll zunächst medizinisches Personal geimpft werden. Die Regierung hat bereits neun Millionen Impfstoffampullen bestellt. Wir haben mit dem Leiter der Virologie Professor Wolfgang Preiser der Universität Stellenbosch über seine Einschätzung der aktuellen Lage in Südafrika und den weiteren Verlauf gesprochen.


Virologe Wolfgang Preiser in Stellenbosch
Virologe Wolfgang Preiser in Stellenbosch

Professor Dr. Wolfgang Preiser leitet seit fünfzehn Jahren die Abteilung für Medizinische Virologie an der Universität Stellenbosch. Der gebürtige Deutsche ist Mitte 50 und hat in Frankfurt am Main und London seinen Facharzt in Mikrobiologie und Virologie abgelegt.



1. Wie bewerten Sie die Wirksamkeit des Impfstoffs von „AstraZeneca?“

Eine schwierige Frage. Die Studie von Prof. Shabir Madhi lief genau dann an, als die zweite Welle mit der neuen Variante über uns hereinbrach. Und da zeigte sich, dass die Probanden mit dem Impfstoff von „AstraZeneca“ gegen einen milden Verlauf der Infektion nicht geschützt waren. Wir können aber nicht sagen, ob der Impfstoff nicht trotzdem gegen eine schwere Erkrankung schützt. Das wäre möglich. Nicht jeder Impfstoff schützt gegen die Infektion per se, kann dann aber den Verlauf ab-mildern, so dass jemand, der sonst schwer erkrankt wäre, mit einem milden Verlauf davonkommt. Das wäre vorstellbar. Viele Impfstoffe funktionieren auf diese Art.


2. Ist die Mutation tatsächlich schlimmer als das ursprüngliche Virus?

Die neue Variante hat eine höhere Ansteckbarkeit. Das ist ähnlich wie anderen Virusvarianten, wie die aus Großbritannien oder Brasilien. Ob auch das Krankheitsbild als solches schwerer verläuft als bei dem ursprünglichen Virus, kann man noch nicht mit 100 %iger Sicherheit sagen. Hier in Südafrika haben wir dafür bisher keinen Anhaltspunkt. Man hat zwar mehr Fälle und auch schwere Verläufe bei jüngeren Menschen gesehen, aber das kann daran liegen, dass die Zahlen bei der zweiten Welle insgesamt höher waren als bei der ersten.

3. War der Schritt von der Regierung nachvollziehbar, die Impfung mit dem Astra-Zeneca-Impfstoff zu stoppen?

Ich glaube, die Entscheidung der Regierung ist nachvollziehbar. Letztlich wird man gar nicht sagen können, ob es die richtige Entscheidung war oder nicht. Das ist ein ganz schwieriges Terrain, auf dem man sich bewegt.

4. Wie ist das im Bezug zu anderen Impfstoffen, wie denen von dem US-Hersteller „Johnson & Johnson, „Pfizer“ und Co?


"„Johnson&Johnson“ scheint gegen diese südafrikanische Variante effektiver zu sein"
"„Johnson&Johnson“ scheint gegen diese südafrikanische Variante effektiver zu sein"

Die auf Adeno-Viren basierenden Impfstoffe von „AstraZeneca“ und „Johnson & Johnson“ scheinen beide eine niedrigere Schutzwirkung zu haben als die Messenger RNA-Impfstoffe von „Pfizer-Biontec“ und „Moderna.“


Es ist aber verkehrt, dass manche zum Beispiel in Deutschland sagen, dass sie lieber die RNA-Impfstoffe habe möchten, als diese auf Adeno-Viren basierenden Impfstoffe.


5. Ist der Impfstoff von „Johnson&Johnson zuverlässiger?“ Er ist noch nicht zugelassen und trotzdem wird bereits geimpft. Ist das positiv?

Der Impfstoff von „Johnson&Johnson“ scheint gegen diese südafrikanische Variante effektiver zu sein. Aber auch das muss man mit großer Vorsicht betrachten, ich bin selber Proband in der Phase 3 der Studie beim „Johnson&Johnson“ -Impfstoff. Ich habe zwar kein Covid bekommen, aber das bedeutet nichts. In dieser Studie zeigte sich eine Schutzwirkung, die besser war als die bei „AstraZeneca“ nachgewiesene. In punkto Sicherheit stehen alle bisher ausgiebig untersuchten Impfstoffe sehr gut da. Lästige Nebenwirkungen kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, doch worauf es ankommt, nämlich schwere Nebenwirkungen, sind extrem selten. Insofern ist es sicherlich eine gute Idee, jetzt mit dem Impfen mit dem „Johnson & Johnson“-Impfstoff anzufangen und dies zugleich als Anwendungsstudie zu nutzen.


Man muss in der klinischen Anwendung schauen, wie gut diese Impfstoffe in der Praxis funktionieren, zum Beispiel, wie gut die Schutzwirkung ist. Selbst wenn ein Impfstoff zugelassen wird, sollte man alle Geimpften eingehend nachverfolgen, einfach, weil alles noch sehr neu ist und man die erhoffte Wirksamkeit noch nicht völlig abschätzen kann.

6. Kann es bei dem Impfstoff zu Nebenwirkungen kommen?

Im Rahmen der klinischen Studie hatte ich tatsächlich Nebenwirkungen. Am Abend und am nächsten Tag hatte ich Kopfweh, war sehr abgeschlagen, fühlte mich müde und irgendwie nicht gut. Es ist wie so eine Erkältungskrankheit. Wie man es oft erlebt, wenn man die Grippeimpfung bekommen hat. Das deutet einfach darauf hin, dass das Immunsystem sich mit den Antigenen, die in diesem Impfstoff enthalten sind, auseinandersetzt. Daher sollten jetzt nicht alle Mitarbeiter aus einem Bereich gleichzeitig zur Impfung gehen, weil etliche sich am nächsten Tag krank fühlen und zu Hause bleiben. Man sollte das lieber gestaffelt machen, sprich, immer nur einen Teil der Belegschaft zum Impfen schicken und damit rechnen, dass sich am nächsten Tag einige krankmelden. Und, wenn die zurück sind, kommen erst die Nächsten dran.

Die Nebenwirkungen sind zwar etwas lästig, aber dagegen hilft zum Beispiel ein bisschen Aspirin. Es zeigt einfach, dass Immunsystem arbeitet.

7. Wie viel der Bevölkerung könnte bis zum Ende 2021 geimpft werden?

Man möchte erstmal die sogenannten „Health Care-Workers“, also Menschen vom medizinischen Personal impfen. Ich habe die Zahl jetzt nicht im Kopf, aber das sind über eine Million Leute. Danach sind die Risikogruppen dran. Natürlich untersucht man jetzt weiter die Wirksamkeit. Da gibt es noch Einiges zu erforschen mit viel-leicht unangenehmen Überraschungen. Dass man zum Beispiel feststellt, es funktioniert doch nicht so gut in der Praxis. Und dann gibt es die Nachschubprobleme. Die ganze Welt möchte ja jetzt an diese Impfstoffe herankommen.

Ich gehe nicht davon aus, dass bis zum Jahresende so viele Leute geimpft sein werden, dass man keine Angst mehr vor dem Virus haben muss oder vor weiteren Wellen. Das wird uns noch bis ins Jahr 2022 begleiten.

8. Wie wird sich der Impfstoff in der Bevölkerung verteilen?

Die hiesige Regierung macht das nicht schlecht. Ich staune immer wieder, wie schnell da etwas Brauchbares zustande kommt. Wenn man dann hört, wie in anderen Ländern die Buchungssysteme ausfallen oder sich über 90-Jährige übers Internet anmelden sollen. Da muss ich sagen, bin ich ziemlich beeindruckt, wie hier Systeme zur Registrierung und dann zur Anmeldung umgesetzt werden. Das hat alles einen Plan. Man darf nicht vergessen, manchmal sind diese etwas einfacheren Gesundheitssysteme besser darin, große Patientenzahlen effizient zu organisieren. „Der Impfstoff von „Johnson&Johnson“ ist sicher. Der wurde schon an etlichen, wenn nicht Zehntausenden ausprobiert, ohne gefährliche Nebenwirkungen. Ich habe nicht eine Sekunde Zweifel daran, dass es eine tolle Sache ist“, sagt Prof. Preiser.

Prof. Preiser hofft, dass wir durch die Impfung, die Pandemie irgendwann hinter uns lassen können.
Prof. Preiser hofft, dass wir durch die Impfung, die Pandemie irgendwann hinter uns lassen können.



















Es wird natürlich schwieriger, wenn es darum geht, Leute zu erreichen, die nicht im Internet sind und kein Mobiltelefon haben. Das wird eine richtige Herausforderung, aber ich denke, auch das wird Südafrika stemmen.

Ich glaube, die Leute sind misstrauisch, weil es sehr schnell mit der Entwicklung der Impfstoffe ging.

9. Können Sie verstehen, warum sich Menschen nicht impfen lassen und wenn ja, warum oder wenn nicht, warum nicht?

Ich kann es letztlich nicht verstehen. Ich muss ehrlich sagen, nachdem wir die Pandemie schon seit einem Jahr mitmachen, nehm ich die Impfung, wenn sie mir jemand anbietet. Es ist letztlich der Anfang vom Ende der Pandemie. Für mich ist die Fragestellung ganz klar, natürlich impfen, wenn das der Weg ist, wie ich und mein Umkreis da wieder rauskommen. Und kümmere mich nicht um ein bisschen Schmerzen an der Einstichstelle und ein bisschen Kopfweh am nächsten Tag.

„Ich glaube, die Leute sind misstrauisch, weil es sehr schnell mit der Entwicklung der Impfstoffe ging“, glaubt Professor Preiser.


Ich bin erstaunt, wie viele Impfstoffe sich in so kurzer Zeit als äußerst wirksam erwiesen haben. Das ist ein unglaublicher Durchbruch der Wissenschaft und ich bin stolz darauf, dass Südafrika hier eine Rolle gespielt hat. Zwar nicht bei der Entwick-lung dieser Impfstoffe, aber bei der Erprobung. Da macht sich bezahlt, dass es hier mehrere Zentren gibt, die große Erfahrungen haben, wie schon aus der HIV-Impf-stoffforschung, die aber leider noch keinen Durchbruch gebracht hat. Dass wir den neuen Impfstoff erproben, davon hat die ganze Welt was. Das ist eine tolle Sache.


Das Schlimme ist, dass weltweit eine Fülle an Blödsinn aus Unwissenheit, aber auch aus Bösartigkeit verbreitet wird. Wer sein Handy benutzt, um diesen Unsinn auf YouTube und Facebook rauszusuchen, der hat mehr von seinen persönlichen Daten preisgegeben, als wenn er eine Impfung kriegt. Und die Idee, dass man da einen Chip implantiert kriegt, wie manche anscheinend denken, ist völliger Quatsch.


10. Könnte es eine dritte Welle geben und was sollten die Menschen tun?

Ja, ich fürchte, eine dritte, und vielleicht sogar eine vierte Welle wird erwartet. Ob das schlimmer wird, weiß man nicht und kann man nicht sagen. Die Infektiosität dieses mutierten Virus ist deutlich höher. Natürlich haben viele die Infektion jetzt schon gehabt. Das gibt einen gewissen Schutz. Wenn der Winter kommt und sich alles nach drinnen verlagert und die Leute wieder dichter beeinander sind, kann es aber wieder schlimmer werden und auf eine dritte Welle zulaufen.

Man sollte mit den Hygienemaßnahmen so weitermachen wie bisher. Man darf nicht nachlässig werden. Wenn man im Kino einen Platz neben sich freihält, viel lüftet und die Maske trägt, sind es all diese Maßnahmen wert, das Virus einzu-dämmen. Allerdings ist das Abstandhalten in den Zügen und Minitaxis für die ärmeren Menschen schwer umzusetzen. Die Wohlhabenderen haben es da leichter.


„Ich hoffe, dass wir durch die Impfung, die Pandemie irgendwann hinter uns lassen können und Einiges daraus gelernt haben. Dazu gehört, dass wir Dinge online, also über den Computer machen, so dass wir nicht überall hinfahren müssen. Ich hab viel Zeit gespart, in dem ich Meetings über Zoom oder Teams gemacht habe“, sagt er.

Im touristischen Bereich sind die Hygienestandards seit jeher sehr hoch. Unterhalten Sie sich draußen im Freien und halten Sie Abstand, und schon ist das Risiko minimal.

11. Was würden Sie Menschen raten, die Kapstadt besuchen möchten?


Im Freien sicher vor Corona
"Im Freien ist das Risiko minimal."

In Kapstadt und Südafrika generell kann man sich sehr sicher bewegen. Die einschlägigen Regeln kennen ja mittlerweile alle. Die gelten auch hier und werden in vielen Einrichtungen auch sehr gut umgesetzt.


Im touristischen Bereich sind die Hygienestandards seit jeher sehr hoch. Unterhalten Sie sich draußen im Freien und halten Sie Abstand, und schon ist das Risiko minimal. Vermeiden Sie größere Menschenansammlungen und geschlossene Räume mit schlechter Lüftung, in denen sich viele Menschen aufhalten. Das Gesundheitssystem hier im Westkap war am Limit, hat aber standgehalten. Darauf bin ich für meine jetzige Heimat stolz.



Heißer Tipp: Damit Du auch weiterhin gesund bleibst, informiere Dich regelmäßig über die aktuellen Hygienevorschriften. Wir haben die aktuellen Hygienevorschriften für Kapstadt und Südafrika hier zusammengestellt.

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