Ob Kiel oder Kapstadt - das Geheimnis wahrer Schönheit

Zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein können, beweisen, dass Schönheit ein Neuanfang im Leben durch Leidenschaft und Selbstwert ist.


Schönheit, daran können wir Menschen, seit es uns auf diesem Planeten gibt, nicht satt sehen. Sie ist Mythos und Obsession zugleich. Vor allem von uns Frauen wird erwartet, einem kulturellen Schönheitsideal zu entsprechen. Objektive Schönheit kann Türen öffnen, ob im Alltag oder im Beruf. Wie viel Erwartungsdruck dabei entsteht, fragt keiner. Aber was bedeutet Schönheit für uns eigentlich? Woher wissen wir, dass wir schön sind? Und wann fühlen wir uns wirklich schön?


Alles fängt mit Selbstliebe an - zwischen Kiel und Kapstadt Zwei Frauen haben ihre persönliche Schönheit gefunden: Leonie von Hase aus Kiel und Zana Sibobosi aus Kapstadt, Südafrika. Selbstliebe, darin liegt der Schlüssel zur eigenen Schönheit für beide Frauen. Sich und seinen Körper als Zuhause betrachten, das ist der Gedanke. Im Interview schildern beide Frauen ihren Weg.

Morgens halb zehn, ein Kaffee mit Leonie über Zoom (Video-Telefonat). Das Gespräch beginnt dynamisch und herzlich, ein Frauen-Austausch in kinderfreier Zeit. Auf dem legeren Sweatshirt der blonden Kielerin steht ‘If Mom ain’t happy, nobody is'. Sie ist Online-Unternehmerin und amtierende Miss Germany.


"Es geht um Frauen-Empowernment"

Ist eine Frau mit diesem Titel automatisch schön? „Es war nie meine Intention als Schönheitskönigin zu agieren. Das bin ich nicht und das möchte ich auch nicht sein”, sagt Leonie klar und bestimmt. “Das Konzept der Miss Germany hat sich geändert. Jetzt geht es nicht mehr nur um optische Schönheitsideale, sondern auch um Werte.”

Das Jahr 2020 definiert eine ganz neue Miss Germany.

Die Persönlichkeiten der Kandidatinnen stehen aufgrund des neuen Konzepts im Mittelpunkt und zeigen, dass Ausstrahlung viel wichtiger ist als nur das Aussehen.

„Es geht um Frauen-Empowerment und ich darf das repräsentieren.”



Schönheit ist komplex Das Thema Schönheit ist für Leonie komplex. Sie sieht es auf drei Ebenen: 1. Ästhetik und Symmetrie: „Leider identifizieren sich die meisten Frauen mit dieser Ebene. In meinen Augen ist sie internalisiert durch bestimmte Schönheitsideale, die eigentlich durch die Augen eines Mannes blicken.”

2. Unkonventionelle Schönheit: „Das ist die Schönheit, die nichts mit Symmetrie zu tun hat. Frauen bemerken diese oft eher als Männer, z.B. volle Haare.” 3. Die innere Schönheit: „Das ist für mich die einzig wahre Schönheit", meint Leonie.


Die Kielerin ist in Namibia geboren und aufgewachsen. Barfuss auf der Farm spielen, die Kartoffeln und den Salat kurz vor dem Mittagessen aus der Erde ziehen, ganz ohne Hochglanzmagazine und Schönheitsideale. Weil sie in der Schule gemobbt wurde, habe sie früh das Gefühl entwickelt, wertlos zu sein. Um diesem Gefühl und dem puristischen Leben zu entkommen, tat sie alles daran, wegzuziehen. Zuerst nach Kapstadt, dann nach London, dann nach Berlin. Leonie arbeitete als Model und Schauspielerin und stellte fest, dass ihr durch ihr physisches Auftreten und ihr Aussehen Türen geöffnet wurden. Aber wer sie wirklich war, das hat niemanden interessiert. „Durch das Modeln habe ich festgestellt, dass es in der Branche rein um das Aussehen geht. Wer du wirklich bist, interessiert keinen. Und wenn in dieser Saison deine Nase gefragt ist, kann sie in der nächsten schon wieder out sein. Es geht in der Branche immer um Trends. Das muss man wissen, sonst kann man daran zerbrechen.”


„Tue, was dir gut tut. Und vergleiche dich nicht mit Social-Media-Accounts.”

Wenn wir ehrlich sind, wissen wir doch alle, dass die Mode- und Werbeindustrie trickst, aber dennoch lassen wir uns beeinflussen. Wir wissen auch, dass kaum eine Frau morgens perfekt gestylt aufwacht. Wir wissen, dass ein Programm in 3 Schritten zur Bikini Figur purer Stress ist und dass die Kosmetikindustrie uns zu Verwandlungskünstlern verführen kann. Sie zeigt, wie wir mit Make-up und speziellen Techniken unser Gesicht konturieren, größere Augen oder vollere Lippen vortäuschen können. „Wir müssen uns klar machen, dass der ganze Körper- und Schönheitswahn ein gesellschaftliches Konstrukt ist”, sagt Leonie. “Und die Influencer-Kultur ist unrealistisch. Das muss man immer im Hinterkopf behalten.”

Am schönsten fühlt sie sich zusammen mit ihren Freundinnen. „Sisterhood. Verbundenheit. Das ist ganz wichtig für mich”, sagt sie. „Meine Freundinnen sehen mich so, wie ich bin.” Das habe viel mit Vertrauen zu tun, denn mit ihnen kann die amtierende Miss Germany richtig frei sein und rumblödeln. „Und das gehört zu mir und zu meiner Schönheit.” Für ihre Natürlichkeit bekomme sie auch gute Resonanz von den Fans. Der Prozess, mit sich selber Frieden zu schließen und sich zu akzeptieren wie man ist, sei wichtig. Schönheit geht schließlich tiefer als eine perfekt geschminkte Oberfläche.


Jede Frau ist schön, auf ihre eigene Weise „Es ist wunderbar, dass es unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Körpern gibt. Früher dachte ich immer, ich muss mich auf Biegen und Brechen anpassen, um einem Ideal zu entsprechen. Heute bin ich davon völlig frei.” Doch wie kommt man an diesen Punkt? „Tue, was dir gut tut. Und vergleiche dich nicht mit Social-Media-Accounts. Insbesondere finde ich es wichtig, dass sich Mädchen mit sich selbst beschäftigen.”, sagt Leonie. Und wie genau? „Ob das lesen, tanzen, singen oder was komplett anderes ist, wichtig ist, dass man sich kennenlernt und dann herausfindet, was einem gut tut und was nicht.”


Die neue Miss Germany ist und bleibt "ein Kind der Kalahari"

Bei sich bleiben, und sich selbst treu bleiben, ist also das Geheimnis. Den Druck raus nehmen und auch akzeptieren können, wenn es mal Tage gibt, an denen man unzufrieden ist.

Leonie lebt heute mit ihrer Familie in Kiel, liebt ihr Hochbeet und lässt im Sommer gerne die Schuhe weg. „Ich bin und bleibe ein Kind der Kalahari und gehe gerne barfuss”.











Und wie geht weibliche Identitätssuche in Kapstadt? Im 12 600 Kilometer entfernten Kapstadt lebt Zana. Ebenfalls mit einem Kaffee in der Hand, sitzt sie entspannt auf Ihrem Balkon und lacht in die Zoom-Kamera. Enthusiastisch erzählt sie von ihrem Weg zu ihrer eigenen Schönheit. Zana ist professionelles Model, seit ein paar Jahren in der Szene, ihre Karriere geht steil nach oben. Ihr Strahlen ist mitreißend, versprüht Selbstliebe und eine entspannte Selbstsicherheit, wie man sie überall im sonnigen Kapstadt findet.


"Schönheit ist, wie man andere Menschen behandelt"

Zanas Augen leuchten, wenn sie erzählt. Die Erfahrungen, die sie schildert, scheinen wie aus einem anderen Leben, einem Kapitel, dass sie zu ihrem heutigen Selbstbewusstsein geführt hat. Als Model zu arbeiten, auf diese Idee wäre sie nicht selbst gekommen. Ein Uni-Freund und angehender Fotograf bat sie, ein paar Aufnahmen mit ihm zu machen und überzeugte sie danach, sich damit bei einer Modelagentur zu bewerben. „Zu Beginn war es eine total überwältigende Branche”, erzählt Zana. „Plötzlich waren da all diese schönen Mädchen um mich herum, ich fühlte mich eingeschüchtert und völlig unbedeutend neben ihnen. Man ist nicht einfach Model und denkt dann: ‘ja, jetzt bist du schön’.



Model Zana Sibobosi fühlt sich ohne Make-Up am schönsten

Wie alles im Leben hat es Zeit gebraucht. Zeit, sich an den Job zu gewöhnen – und diesen als einen Job zu sehen. Zeit, sich von anfänglichen Absagen nicht runterziehen zu lassen oder diese persönlich zu nehmen und sich stattdessen auf die positiven Aspekte ihrer Arbeit zu fokussieren: neue Menschen treffen, reisen, Spaß haben und an sich selbst zu wachsen.


Anstatt sich von einer der meist umkämpften Industrien in Kapstadt definieren zu lassen, hat Zana gelernt, sich selbst zu definieren, und diese Erkenntnis für ihre Karriere zu nutzen: „Jetzt ist meine Zeit zu glänzen und zu strahlen, das wurde mir bewusst.“ Schönstes Merkmal: Das Lachen Lange Haare, lange Beine, typgerechter Lippenstift. Das sind die klassischen Schönheitsideale, die Frauen häufig durch Medien suggeriert bekommen. Unabhängig davon, ob diese den eigenen Schönheitsvorstellungen entsprechen. „Ich lasse mich nicht in eine Box stecken”, meint Zana. „Daher habe ich mich dazu entschieden, meine Haare kurz rasiert zu tragen. Make-up mag ich auch nicht sonderlich gerne, ich bevorzuge meinen natürlichen Look.” So fühlt sich die Kapstädterin am wohlsten. „Mein schönstes Merkmal ist mein Lachen – das bin ich. Als Model und auch im wirklichen Leben.”


Liegt das Geheimnis wahrer Schönheit also auch laut Zana in uns selbst? „Definitiv.” Ihre Mutter sagte ihr einst: „Der Moment, in dem du beginnst, dich schön zu fühlen und diese Schönheit mit den Menschen um dich herum teilst, das ist der Augenblick, in dem auch die Außenwelt deine Schönheit erkennen wird.“ Eine Vorhersage, die für Zana eingetroffen ist: „Plötzlich sehen die Menschen mich und schätzen meine Schönheit, einfach, weil ich so positiv und selbstsicher in mir bin.” Ein Weg, der Geduld fordert Die eigene Schönheit entdecken, sie zu definieren und nach außen zu tragen – es ist ein Weg, der Geduld erfordert, gibt Zana zu. „Schön zu sein beginnt mit dir, dass du an deine eigene Schönheit glaubst, und nicht erwartest, Komplimente von einer anderen Person zu hören.” Der Prozess, die eigene Schönheit zu finden, ist für Frauen nicht immer einfach. Auch die Medien spielen hier eine Rolle. „Es bedarf einer größeren Vielfalt medialer Vorbilder, findet Zana. „Viele Medien beginnen damit, sich von stereotypischen Schönheitsstandards zu distanzieren, das ist gut. Wir brauchen mehr davon.” Verschiedenartige Schönheit, auch im Hinblick auf kulturelle Unterschiede: „Solange sich dunkelhäutige Mädchen selbst in afrikanischen Ländern nicht ausreichend von den Medien repräsentiert fühlen, ist es viel schwieriger für sie, Identifikationsfiguren zu finden, die ihnen dabei helfen, ihr eigenes Potential zu erkennen.” Die große, wahre Schönheit, nach der wir Menschen zeitlebens streben und suchen, kommt am Ende des Tages auch in Zanas Augen von innen: „Schönheit liegt darin, wer du bist, als Person, und wie du auch andere Menschen behandelst. Schönheit hat einen tieferen Sinn als das äußere Abbild einer Frau.”

von Sandrina Fink & Hanni Heinrich Heißer Tipp: Film- und Werbeindustrie Kapstadt Neben einem faszinierenden Reiseziel für Touristen aus aller Welt, hat sich Kapstadt auch als Hotspot der Film- und Werbeindustrie in den vergangen Jahren etabliert. Bis zu 700 Millionen Euro werden jährlich durch hochrangige Film- und Medienprojekte eingenommen. Die idealen Licht- und Wetterbedingungen machen Kapstadt zum perfekten Drehort internationaler Kampagnen. Die Modelbranche ist mit zahlreichen Agenturen vor Ort vertreten und ermöglicht lokalen Talenten wie Zana den Sprung in die internationale Modewelt von Zuhause aus.


Heiße Info: Das Konzept der Miss Germany Das Jahr 2020 definiert eine ganz neue Miss Germany. Die Persönlichkeiten der Kandidatinnen stehen aufgrund des neuen Konzepts im Mittelpunkt und zeigen, dass Ausstrahlung viel wichtiger ist als nur das Aussehen. Die Jury bestand nur aus Frauen und der Veranstalter setzte erstmals sein neues Konzept um. Der 24-jährige Organisator Max Klemmer sagt, der Wettbewerb beschränke sich nicht mehr allein auf das Äußere der Bewerberinnen. Nun stünden die Persönlichkeit, der Charakter und die Lebensgeschichte der Frauen im Mittelpunkt. Vorstellungsrunden im Bikini gibt es nicht mehr. "Miss Germany" ist laut dem Veranstalter der älteste und bedeutendste Schönheitswettbewerb in Deutschland, es gibt ihn seit 1927. Gewählt wird jährlich. Leonie ist laut Klemmer die älteste "Miss Germany" in der Geschichte des seit 93 Jahren laufenden Wettbewerbs. Zudem ist sie die erste Mutter, die den Titel trägt.

© 2020 by Hanni Heinrich.

  • YouTube
  • Pinterest DeinKapstadt
  • Facebook Social Icon
  • Instagram