Olympia 2021: Die Südafrikanerin Irmgard Bensusan ist voller Vorfreude

Für die deutsch-südafrikanische Leichtathletin geht es mit dem Flugzeug ins Trainingscamp nach Nagasaki und anschließend zu den Paralympics nach Tokio.


Fragt man Irmgard Bensusan nach ihrem Ziel für die Wettkämpfe, lächelt sie und spricht nicht etwa, wie man es von einer Profisportlerin sonst erwarten würde, von Medaillenhoffnungen, sondern scherzt und antwortet, dass sie in Japan so viel Sushi essen möchte, bis ihr der Bauch platzt.

Bensusan läuft seitdem sie drei Jahre alt war und sprüht heute vor Lebensfreude. Doch das war nicht immer so. Im Alter von 17 Jahren hat sie sich bei einem schweren Sturz beim Aufwärmen verletzt und musste ihre damalige, bereits sehr erfolgreiche Profikarriere unterbrechen. Ihr Bein war danach nicht mehr belastbar und das Knie erlitt eine Nervenschädigung. Es folgten Jahre mit Depressionen. Dann fasste die heute 30-Jährige neuen Mut und kämpfte sich in den Profisport zurück. Sie fing wieder an zu trainieren und ist 2015 vom südafrikanischen Johannesburg nach Deutschland gezogen, um sich für die Paralympics zu klassifizieren und zugelassen zu werden. Das hatte man ihr in ihrem Heimatland Südafrika verwehrt.


Irmgard Bensusan ist st eine Leichtathletin mit deutscher und südafrikanischer Staatsbürgerschaft. Foto: Mika Volkmann
Irmgard Bensusan ist eine Leichtathletin. Foto: Mika Volkmann

Ursprünglich wollte sie drei Monate in Deutschland bleiben, daraus sind inzwischen aber sechs Jahre geworden und ihr Deutsch, das sie erst in Deutschland gelernt hat, hört sich inzwischen richtig flüssig an. Sie tritt mit ihrem Verein, dem TSV Bayer 04 Leverkusen im August bei den Paralympischen Spielen in Tokio an. Derzeit bereitet sie sich täglich auf die Wettkämpfe vor. Zusätzlich geht sie zur Physiotherapie und zur Chiropraktik, macht Aqua-Jogging und achtet genau auf ihre Ernährung.


Die Leichtathletin hat bei verschiedenen Europa- und Weltmeisterschaften in der Vergangenheit mehrfach Gold- und Silbermedaillien gewonnen. Sie hält in ihrer Startklasse die Weltrekorde über 100 Meter (12,72 Sekunden) und 200 Meter (26,15 Sekunden) und wurde 2019 als „Parasportlerin des Jahres“ ausgezeichnet.

Wir erreichen die Sprinterin in einer Trainingspause.


Wie bist Du zum Sport gekommen?

Ich komme aus einer sehr sportlichen Familie. Meine Mutter, die in Deutschland geboren wurde und mit zwei Jahren mit ihrer Familie nach Südafrika kam, hat selbst Hürdenlauf und Weitsprung betrieben, mein englischsprachiger südafrikanischer Vater spielt in der Seniorenmeisterschaft Hockey, meine beiden Brüder sind im Rugby aktiv und meine beiden Schwestern machen ebenfalls Leichtathletik. Da lag es irgendwie nahe, dass ich mir auch eine Sportart suche.


Ab der 4. Klasse sucht sich jeder Schüler in Südafrika ein Projekt. Man kann zwischen verschiedenen Aktivitäten wählen, zum Beispiel im Chor singen, ein Instrument lernen, Malen oder eben auch Sport. Ich habe vieles ausprobiert – Hockey, Softball, Ballett, aber am besten hat mir Leichtathletik gefallen und dann bin ich eben dabeigeblieben. Ich bin recht schnell immer besser geworden und meine Trainer haben mich sehr unterstützt. Ich wusste irgendwann, dass ich das nicht nur als Hobby machen, sondern Profisportlerin werden will.

Trotz des vielen Trainings war ich erfolgreich in der Schule, hatte gute Noten, habe Abitur gemacht und dann Rechtswissenschaften in Johannesburg studiert.

Die Leichtathletin hat sich auf Sprints spezialisiert.
Die Leichtathletin hat sich auf Sprints spezialisiert.

Was begeistert Dich am meisten an dem Sport?

Der Sport gibt mir das Gefühl von Freiheit. Wenn ich laufe, verliere ich komplett meine ganzen Sorgen und ich fühle mich frei und glücklich.

Wie hast Du es geschafft, Dich aus der Phase der Depression wieder rauszukämpfen?

Als ich mit 17 Jahren diese schlimme Sportverletzung hatte und mein Bein nicht mehr funktionierte, weil die Nerven geschädigt waren, bin ich in ein tiefes Loch gefallen. Ich habe mich irgendwann zusammengerauft, weil ich mir gesagt habe, du hast nur dieses eine Leben und du musst das machen, was dich glücklich macht und das war eben das Training und der Sport. Also habe ich angefangen wieder Schritt für Schritt zu trainieren und die Lebensfreude ist zurückgekommen.

Wie war es für Dich nach Deutschland zu kommen und was sind die Unterschiede zwischen Deutschland und Südafrika?

Da ich in Südafrika nicht klassifiziert – also als behindert eingestuft und für den Behindertensport zugelassen wurde, schlug meine Mutter vor, dass ich es doch mal in ihrem Heimatland, also Deutschland versuchten sollte. Das habe ich gemacht und es hat tatsächlich funktioniert. Ich bin im Jahr 2015 mit einem Koffer gekommen und wollte eigentlich nur ein paar Monate bleiben, aber daraus sind inzwischen sechs Jahre geworden. Mein Trainer Karl-Heinz Düe hat mich sehr unterstützt. Ich habe dann angefangen Deutsch zu lernen und arbeite nebenbei für ein paar Stunden in der Woche als Wirtschaftsprüferin.

„In Deutschland ist man extrem pünktlich und viele sind sogar fünf Minuten eher da. In Südafrika gilt es noch als pünktlich, wenn man eine Viertelstunde später kommt.“

Was vermisst Du am meisten an Südafrika?

In erster Linie vermisse ich natürlich meine Familie in Südafrika, mit der ich allerdings täglich skype. Vor Corona bin ich dreimal im Jahr hingeflogen und habe sie besucht. Jetzt ist das durch die Pandemie nicht mehr so einfach möglich. Außerdem vermisse ich das Licht und die Farben der Natur des Bushveld, einer subtropischen Wald- und Ökoregion im nördlichen Teil Südafrikas, da wo ich herkomme.

Irmgard Bensusan besitzt die deutsche und südafrikanische Staatsbürgerschaft. Fotos: Privat & Mika Volkmann

Kannst Du Dir vorstellen, häufiger zwischen Deutschland und Südafrika zu

pendeln?

Ich habe schon darüber nachgedacht, zwischen Deutschland und Südafrika hin- und herzupendeln. Ich habe auch schon mal überlegt, in Deutschland für Firmen wie der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) zu arbeiten, so dass ich die Verbindung zwischen Deutschland und Südafrika verbessern kann. Gerade auch im Hinblick auf die politischen und sozialen Probleme in meinem Heimatland, was mir natürlich sehr am Herzen liegt. Meine ganze Familie wohnt dort. Ich bin alleine in Deutschland und ich muss einfach schauen, welche Möglichkeiten es nach dem Sport für mich gibt. Solche Projekte, in denen ich beide Kulturen verbinden kann, wären schön.

Irmgard mit ihrer Schwester Helga-Wendy Bensusan
Irmgard mit ihrer Schwester Helga-Wendy Bensusan

Was nimmst Du beim Sport aus Südafrika und was aus Deutschland mit und setzt es um?


Aus Südafrika nehme ich die Eigenschaft mit, sich immer wieder Ziele zu setzen und ehrgeizig zu trainieren. Südafrika ist ein sportbegeistertes Land. Die Sportler machen alles aus dem Herzen heraus und da ist viel innerer Glaube und Kampfgeist dabei.

„In Südafrika gilt, egal, was passiert, steh wieder auf, richte den Kopf hoch und mach einfach weiter. Liegen bleiben ist keine Option“

Von Deutschland nehme ich die stärkere Strukturiertheit, die Zielstrebigkeit und Professionalität mit, sowie die Eigenschaft, immer realistisch zu sein.


Was ist der Unterschied zu den früheren Wettbewerben und den Paralympics heute?

Anfangs waren die Paralympics eine neue Welt für mich. Ich kam vorher aus nicht behinderten Mannschaften. Ich habe schnell gemerkt, dass die Menschen im

Behindertensport mehr Teamgeist haben und kollegialer sind als die Sportler, die ich vorher kannte. Davor wurden häufig die Ellenbogen rausgeholt und es herrschte unter den Sportkollegen selbst viel mehr Konkurrenz.

„Im Behindertensport sind die Sportler entspannter und hilfsbereiter."

Was ist durch Corona jetzt anders bei den Paralympischen Spielen?

Wir freuen uns alle im Kader, dass die Paralympischen Spiele, die letztes Jahr eigentlich schon hätten stattfinden sollen und aufgrund von Corona abgesagt werden mussten, dieses Jahr nachgeholt werden. Es herrscht zwar keine Impflicht bei den Sportlern, aber wir müssen uns alle vor dem Flug und am Zielort auf Corona testen lassen und dort auch jeden Tag. Außerdem wird die Temperatur gemessen und wir haben ein 70-seitiges Verhaltenshandbuch – ein sogenanntes „Play-Book“ bekommen. Es dürfen bei den Wettbewerben auch keine Zuschauer dabei sein.

„Aus dem Kader werden wir zu Zehnt fliegen, zwei Trainer und Sportlerinnen und Sportler, die an den Paralympcis teilnehmen. Im Pre-Camp werden wir ungefähr zehn Tage bleiben, um uns ans Klima zu gewöhnen, bevor wir nach Tokio reisen.“

Wie lautete der beste Ratschlag, denn Du jemals bekommen hast?

Ein Ratschlag, denn ich bekommen habe war, dass man seine Träume niemandem erzählen soll, sondern sie einfach in die Hand nimmt und in die Realität umsetzt.

Eine Frau zu sein, bedeutet für mich ... kannst Du diesen Satz

vervollständigen?

Es bedeutet für mich, stolz zu sein. Frauen sind stark und sie können viel ertragen und aushalten, vielleicht sogar einige Sachen besser als Männer. Wenn Leute Manches bei Frauen als Schwäche sehen, wie etwa viele Emotionen zu haben, sehe ich das als ihre Stärke.

Frauen sind stark und sie können viel ertragen und aushalten, vielleicht sogar einige Sachen besser als Männer.

Was würdest Du anderen Frauen ans Herz legen, um ihre innere Stärke

zu finden?

Ich würde anderen Frauen raten, genau das zu tun, was sie tun wollen. Und dass sie sich von keinem sagen lassen, dass sie etwas nicht schaffen, nur, weil sie zu schwach und Frauen sind. Sie müssen ihre Träume in die eigene Hand nehmen und sie in die Realität umsetzen. Ich würde Frauen raten, sich von niemandem was ausreden zu lassen, nur weil sie Frauen sind.


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