• Ida Katnic

Sylke Funk und die Townshipkinder in Hout Bay

Als die Sozialarbeiterin und Familientherapeutin Sylke Funk vor 15 Jahren nach Kapstadt kam und die Situation der Menschen in den Townships sah, wollte sie helfen.


Sylke Funk, Gründerin von UBUNTU
Sylke Funk, Gründerin von UBUNTU

Im Jahr 2008 gründete die heute 63-Jährige den Verein „Ubuntu for Africa“.


Er hilft Familien und Kindern im Township „Imizamo Yethu“ in Hout Bay, rund zwanzig Autominuten von Kapstadt entfernt.


Unterstützt werden unter anderem Projekte in Form von Musik- und Bewegungsangebote und Hausaufgabenbetreuung für Kinder. In diesem Township leben nach offiziellen Angaben rund 4.000 Menschen, doch die tatsächliche Zahl liegt wohl bei 50.000 Personen.

Für Sylke Funk war es eine Herzensangelegenheit nicht tatenlos zuzusehen, sondern Hoffnung zu geben und den Kindern bessere Bildungschancen zu ermöglichen. Sie stellte fest, dass sie als Einzelkämpferin nicht viel ausrichten kann und holte sich Verstärkung. Mehr als 100 sind inzwischen hier gewesen und zwei davon sind inzwischen zusätzliche Vorstandmitglieder des Vereins.


Wie ist es gekommen, dass Du nach Südafrika ausgewandert bist und was fasziniert Dich an Kapstadt bzw. Südafrika?

Mein Mann Dick ist Holländer, jedoch in Südafrika aufgewachsen. Nach zwanzig Jahren in den Niederlanden, zog es ihn so sehr zurück in sein Heimatland, dass wir beschlossen haben, dort alles zu verkaufen und nach Südafrika auszuwandern. Das war 2006. Im selben Jahr habe ich begonnen als Freiwillige bei verschiedenen Projekten und in Townshipschulen mitzuarbeiten. Besucht habe ich Südafrika aber schon seit 1988.

Da habe ich noch die Zeit der Apartheid kennengelernt, als wir die Eltern meines Mannes in Betlehem in Oranje Freestate besucht haben.

Blick auf Camps Bay und Lions Head
Blick auf Camps Bay und Lions Head

Ich kann mich damals noch an meine innere Zerrissenheit und an den offenen und versteckten Rassismus erinnern, der überall präsent war.

Wir sind dann später mit unserer 1997 geborenen Tochter Zora noch einmal mit dem Camper durch Südafrika gefahren. Da sprangen dunkle und weiße Kinder nebeneinander gemeinsam auf dem Trampolin oder schwammen im selben Pool. Was war eine enorme Veränderung und für uns den Anstoß, jetzt auszuwandern. Sylke Funk bereut ihren Entschluss von damals bis heute keinen Moment lang.


Kapstadt ist einfach die schönste Stadt der Welt – eine moderne Großstadt mit afrikanischen Akzenten.

Die Silhouette vom Wasser aus, ist einfach einmalig. Die Menschen hier sind so freundlich, hilfsbereit und herzlich. Eine große Vielfalt an Kulturen, die hier zusammenkommt. Dazu noch die atemberaubende Natur von Bergen, Ozeanen und Tieren. Wie kann einem so eine Region nicht gefallen?

Was genau bedeutet der Name „UBUNTU?“

Für mich als Familientherapeutin steht der UBUNTU-Gedanke immer im

Vordergrund. Er bedeutet, Veränderungen nur gemeinsam anzustoßen. Wenn wir zum Beispiel das Verhalten eines Kindes verändern wollen, müssen wir bereits bei der Familie ansetzen und alle, die wichtig sind, Eltern und Großeltern ins Boot holen. Ich arbeite daher immer mit der ganzen Gemeinschaft.

Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir das gemeinsam tun, voneinander lernen und nicht für den oder die anderen bestimmen, was für ihn oder sie richtig ist.

Was ist das charakteristische an „Imizamo Yethu“ und woher kommen die Menschen ?“

Der Name „Imizamo Yethu“ bedeutet „aus eigener Kraft“, denn eigentlich wollte man hier in dem idyllischen Fischerörtchen Hout Bay kein Township haben, aber die Menschen, die herkamen, zuerst die Xhosa vom Eastern Cape, haben aus eigener Kraft eins errichtet, was stetig gewachsen ist. Später kamen auch Menschen aus Malawi, Zimbabwe, Kongo und Namibia, weil sie hoffen, in Kapstadt Arbeit zu finden und ein besseres Leben zu führen, als dort, wo sie ursprünglich herkommen. Das Charakteristische an dem Township, sind wohl die sozialen Gegensätze hier – der beliebte Touristenort und die Armut direkt daneben. Die Knappheit an Wasser und Strom führt zu Unzufriedenheit, Unruhen und Kriminalität. Es gibt gute Gegenden in den Townships mit richtigen Häusern und Gegenden mit Wellblechhütten. Und zwischen ihnen gibt es häufig Rivalität.

Es gibt gute und schlechte Gegenden in Imizamo Yethu
Es gibt gute und schlechte Gegenden in Imizamo Yethu

Lieber den UBUNTU-Gedanken verfolgen und voneinander lernen und einander helfen.

Auf was bist Du nach über zehn Jahren besonders stolz?

Besonders stolz bin ich auf unsere Familienprogramm und da auf unsere Patenprogramm. Hier geht es darum, dass Einzelpersonen oder Familien, allein-stehende Mütter und Väter in den Towships unterstützen, einen Weg aus dem Township zu finden. Zum Beispiel in Form von Beratungen. Voraussetzung dafür ist, dass sie auf absehbare Zeit unabhängig von uns werden wollen. Zwei Mütter wohnen schon außerhalb des Towships in Hout Bay. Ein anderes Beispiel ist Christopher, dessen Eltern Alkoholiker waren. Er wurde schwer vernachlässigt. Dann kam er in unser Gang-Programm. Heute ist er 18 Jahre alt und geht aufs College. Dann haben wir einem Mädchen bei einer Nachprüfung zum Schulabschluss geholfen und ihr einen Barista-Kurs finanziert. Alle Menschen sind sehr dankbar. Ich bin ziemlich bekannt im Township und werde regelmäßig um Unterstützung gefragt. Wenn ich nicht helfen kann, dann höre ich immer zu oder weiß jemanden, der jemanden weiß. Ich bin durch meine Arbeit als Familientherapeutin an den verschiedenen Schulen gut vernetzt.


Und, was rätst Du anderen, die auch so einen Verein gründen wollen?

Es gibt schon viele Nichtregierungsorganisationen, sogenannte NGOs, die helfen. Ich rate daher denjenigen, die sich engagieren wollen, nicht das Rad neu zu erfinden, sondern sich einer bestehenden NGO anzuschließen. Wenn es zu viele werden, verwirrt es die Menschen vor Ort und sie verlieren den Überblick. Lieber den UBUNTU-Gedanken verfolgen und voneinander lernen und einander helfen.

Was können wir in Deutschland von den Menschen im Township lernen?

Das eine ist Geduld. Das ist eine der leichtesten Übungen der Menschen hier. Sie sind gewohnt zu warten – ob vor einer Klinik, einer Wahlurne oder auf bessere Zeiten. Das andere ist ihr unbändiger Überlebenswille. Ich nenne es für mich „Elastizität“ oder „Spannkraft“. Statt an manchen Situationen zu zerbrechen, machen sie weiter und das, was sie in der Lage tun müssen. Sie nehmen die Begebenheiten so hin, wie sie sind. Die Familie ist ihnen sehr wichtig und das nicht nur die engste, sondern auch die Kinder der Geschwister. Der Familien-Begriff ist dehnbar und sie übernehmen für die Gemeinschaft Verantwortung.


Corona hat Probleme, die vorher schon bestanden haben, noch verschlimmert und offengelegt.

Wie sah die Hilfe der Freiwilligen vor Corona aus?

Es kamen Abiturienten, Studenten, Rentner, Lehrer, Sozialarbeiter und Mediaexperten her, zwei davon jeweils um im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) unsere Arbeit hier ehrenamtlich zu unterstützen und Erfahrungen zu sammeln. Es kommen jährlich zwischen 10 bis 30 Praktikanten von deutschen

Universitäten her, die ihr Praktikum absolvieren und nochmal so viele Freiwillige aus Deutschland und anderen Ländern, die für jeweils drei bis sechs Monaten bleiben und uns freiwillige unterstützen. Sie helfen - je nachdem, wo ihre Talente stecken. Die einen spielen, basteln, singen und machen Sport mit den Kindern, die andere helfen im Büro bei administrativen Tätigkeiten oder engagieren sich im Bereich Medien- und Öffentlichkeitsarbeit.

In welcher Weise hat sich das Leben dort durch Corona verändert?

Corona hat Probleme, die vorher schon bestanden haben, noch verschlimmert und offengelegt. Noch mehr Armut und Hunger, noch größere Hygieneprobleme und Gewalt in den Familien. Ein Beispiel dafür ist, dass den Frauen die Kinder abgenommen werden. Die Kinder werden mit dem Messer bedroht, bis die Frauen schließlich bereit sind, ihre wenigen Habseligkeiten auch noch abzugeben. Die meisten Menschen haben keine Arbeit mehr, da es weniger Touristen gibt. Diese Verarmung zieht sich durch alle Schichten und auch die Kriminellen werden immer gewalttätiger.


Gibt es Unterstützung und wie hat sich die Arbeit durch Corona verändert?

Es gibt hier ganz viele Hilfsangebote. Ich glaube, dass Hout Bay ein großes Vorbild für viele war. Es hat hier viele Einzelinitiativen gegeben, sonst hätten die Menschen hier im Township nicht überlebt, wie zum Beispiel auch Suppen-spenden und Essenspakete. Dadurch, dass wenig ausländische Helfer kommen konnten, waren mehr denn je, lokale Helfer bei uns beschäftigt, die wir mit Hilfe ausländischer Spenden für ihre Dienste bezahlen konnten.

Meine ausländischen Freiwilligen mussten im März und April das Land verlassen und seitdem habe ich keine neuen mehr bekommen. Im Januar soll es wieder losgehen und wir freuen uns schon drauf.


Durch die vier Monate, in denen ich beinahe täglich Essenspakete verteilt habe, habe ich viel mehr Eltern kennengelernt als vorher.

Vor Corona ist es schwerer gewesen, Zugang zu den Eltern unserer Kinder zu bekommen. Das ist jetzt durch den täglichen Kontakt einfacher gelungen.

Ich hoffe, dass wir das Positive, was die Krise mitgebracht hat, erhalten. Dass wir zusammenrücken, uns nicht wieder aus den Augen verlieren und dass es bald genügend Arbeit gibt und die Steuergelder dahingehen, wo sie benötigt werden.

Welche neuen Projekte stehen 2021 an?

Fürs neue Jahr wünschen wir uns, dass wir mehr Hilfe und monatliche Spenden bekommen, um die Familien noch besser zu unterstützen. Außerdem hoffen wir konkret, dass wir das vom Lionsclub in Bergkamen im Ruhrgebiet, gespendete Ton- und Recordingstudio wieder in Betrieb nehmen können. Das Projekt, bei dem Kinder und Jugendliche singen und Tonaufnahmen machen, findet an einer Highschool statt. Weiter arbeiten wir daran, jungen Müttern einen Platz in unserem Familienprogramm anbieten zu können und ihnen zu helfen, außerdem der Gehaltsstruktur des Townships eine Wohnung zu bekommen.

Heißer Tipp: Wenn Du den Verein unterstützen willst, kannst Du das über eine strukturelle Spende von 10 Euro oder mehr im Monat tun oder eine Einmalspende. Für beides gibt es eine Bescheinigung fürs Finanzamt. Oder aber, Du hilfst als ehrenamtlicher Helfer vor Ort mit. Mehr Informationen gibt es auf Ubuntu for Africa. Weitere Möglichkeiten für Freiwilligenarbeit in Kapstadt liest Du auch bei uns.

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